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Leseprobe aus:

Albert Schweitzer und das freie Christentum
Impulse für heutiges Christsein


Die Relevanz von Schweitzers Predigten für Theologie und Kirche

Zweifellos hat Albert Schweitzer die Kunst beherrscht, selbst tiefe religiöse Gedanken schlicht und verständlich auszudrücken und dadurch Menschen aus den unterschiedlichsten Bildungsschichten zu erreichen. Von sich selbst sagte er: »Ich predige wie ein Laie, furchtbar einfach.«[1] Was es mit solcher »laienhaften« Predigtweise noch für eine nähere Bewandtnis hat, lassen die folgenden Sätze Schweitzers aus einem Brief an den Zürcher Pfarrer Hermann Kutter vom 14. Juni 1908 erkennen:

»Ich bin Privatdozent der Theologie – Neues Testament – an der hiesigen Universität, zugleich Hülfsprediger zu St. Nicolai. Aber als meine Gedanken langsam sich klärten, suchte ich mir am Tage, wo ich dreissig Jahre alt wurde, vor drei Jahren, nach jahrelangem Nachdenken, eine andere Bahn. Ich werde Laie und bleibe dennoch im Dienste der Religion. Ich bin stud. med. geworden. Schon habe ich mein Physicum hinter mir. In zwei Jahren mache ich mein Staatsexamen und gehe dann als Arzt in die Congomission, wo Ärzte so dringend notwendig sind. Daneben halte ich noch meine Vorlesungen und predige allsonntäglich, aber das nicht als zukünftiger Professor und Pastor, sondern als Laie ... dem innerlichen Gedanken nach und mit der innerlichen Freiheit und ›Uncollegialität‹ eines solchen.«[2]

Die Predigtweise Albert Schweitzers ist sehr persönlich. Dies äußert sich in unserer Pfingstpredigt darin, wenn er sich des von ihm als Kind besuchten Religionsunterrichts in der Günsbacher Dorfschule erinnert oder wenn er von seiner besonderen Vorliebe als Prediger für das Pfingstfest spricht. Dazu kommt, dass er die Gemeindeglieder mit »ihr« anredet und sich selbst häufig in ein gemeinschaftliches »wir« mit einbezieht. Er spricht auch sonst sehr oft in seinen Predigten von sich selbst, von seinen eigenen Fragen, Zweifeln und Antworten. Und er spricht behutsam dieselben Fragen auch bei seinem hörenden Gegenüber an. Er »kennt die Anliegen und Nöte seiner Gemeindeglieder und bedient sich einer Sprache, die sie verstehen«[3].

»In den Predigten Schweitzers gibt es keine konstruierten Menschen, von denen der Prediger immer wieder betonen muss: Das geht auch uns an, und damit sind eigentlich wir gemeint. Sondern in selbstverständlichem Realismus erscheint einfach der Mensch, wie er Schweitzer auf den Strassen begegnete, mit dem er sprach. Ein Leser der Predigten hat es so formuliert: ›In diesen Predigten kommt man immer selbst vor.‹ Und hier liegt ein Geheimnis des Ansprechens, wie es nur dem gegeben ist, der die Menschen beobachtet und liebt und nicht irgendwie doktrinär konstruiert.«[4]

Auffällig ist der Reichtum an Bildern und Metaphern in seinen Predigten, so auch in unserer Pfingstpredigt (Bild vom Bach, Metaphern: »Frühlingstage des Christentums«, »trübe Flut der irdischen Gedanken« u.a.).

»Gerade in den Predigten zeigt es sich, wie wenig Schweitzer doch der abstrakte Gelehrte ist, wie sehr der Augenmensch, der schaut und, wie ein Künstler und Bauer zugleich, die Erde, die Natur, die Menschen ansieht, und wie ihm unmittelbar alles zum Gleichnis wird, ungesucht, ungekünstelt. Er malt nicht künstliche Bilder, sondern er nimmt das Alltäglichste, und es wird unter seiner Hand zum Gleichnis.«[5]

Als für unsere Zeit besonders wegweisend hat Schweitzers bewusster Verzicht auf dogmatische Lehrformeln zu gelten, die bis in die heutige Predigtpraxis hinein gerade an den kirchlichen Feiertagen Verwendung finden. Sie werden von der Gemeinde meist als Leerformeln emp­funden und sind weniger ein Zeichen für die theologische Bildung als vielmehr für die Trägheit manches Predigers oder mancher Predigerin, sich der Mühe hinzugeben, anstelle von theologischen Formeln verstehbare und konkrete Worte zu finden. Eines dürfte deutlich sein: Albert Schweitzers Weise, vom heiligen Geist zu sprechen, ist nicht die, welche man aus den theologischen Lehrbüchern der Dogmatik her kennt, sondern erweist sich als reichlich unkonventionell und gewiss nicht als orthodox. Zwar identifiziert Schweitzer den heiligen Geist mit dem Geist Christi bzw. mit dem Geist Gottes, aber dieser Geist ist nicht die dritte Person der göttlichen Dreieinigkeit. Der Geist Christi ist als solcher nicht selbst Person, sondern erst in der Verbindung mit dem Geist eines konkreten Menschen wird er wieder Person und kann fortfahren, »die Taten zu wirken dessen, der ihn auf die Welt gebracht« hat. Damit ist zugleich angesprochen, was für Schweitzer Ostern bedeutet. Es geht ihm nicht um das Mirakel einer leiblichen Auferstehung, sondern darum, dass Jesu Geist – wie er es in einer Predigt aus dem Jahre 1911 formuliert – »sich in vielen Menschen lebendig erwies, und ich selber fühle, wie er bei mir zum Leben gelangen will«[6]. In derselben Predigt heißt es weiter:

»Es ist, als ob Jesus selber der Menschen bedürfte, um in uns zur Herrschaft zu gelangen. Seine Worte sind für uns Leben geworden durch Menschen, in denen sie Leben waren, und er selber lebt in uns durch die, die in ihm lebten und uns berührten, daß sich unser Geist an dem ihren entzündete.«[7]

Von daher lässt sich auch Schweitzers Äußerung über den Sonntag Trinitatis begreifen:

»Man hat ihn früher zu den großen Festtagen gerechnet, weil er der Lehre von der Dreieinigkeit geweiht ist. In unserer Kirche hat man das Fest der inneren Mission darauf verlegt, weil man sich wohl gesagt hat, daß es notwendiger ist, unserer Zeit von den Aufgaben, die ihrer harren, zu predigen als von einer Lehre, die uns so, wie sie in alter Zeit in Formeln gegossen worden ist, nicht mehr viel sagen will.

Und doch liegt etwas wunderbar Tiefes dieser Lehre zugrunde. Auf der Welt sind sich drei Reiche der Wahrheit gefolgt: Das Reich des Vaters im Alten Testament, wo das Geistige in die Welt hereinleuchtet von ferne, das Reich des Sohnes, wo es lebendig unter die Menschen tritt, das Reich des Geistes, wo es in den Menschen wirkt und webt und wo der Geist aus ihnen heraus redet. Und es ist immer dieselbe Wahrheit und immer dasselbe geistige Wesen, aber es ist den Menschen nähergekommen, es ist ihr innerlicher Besitz!«[8]

Anders als es häufig im Christentum geschieht, dass Menschengeist und Gottesgeist einander entgegengesetzt werden (der Apostel Paulus allerdings kontrastiert nur die Mächte »Fleisch« und »Geist«[9] bzw. den »Geist aus Gott« und den »Geist der Welt«[10]), nimmt Schweitzer an, »daß Menschengeist und heiliger Geist innerlich zusammenhängen und daß der heilige Geist irgendwie als etwas Reines und Tiefes aus dem Menschengeist herauswächst«[11]. Während die alte Christenheit glaubte – man denke nur an die Pfingstgeschichte, wie sie uns Lukas erzählt –, der heilige Geist »falle vom Himmel über den Menschengeist«, glaubt Schweitzer, »daß er aus den Tiefen desselben aufsteigt, und daß er natürlich da ist, wenn man nur tief genug geht. Alles, was rein und wahr und erhebend und belebend ist, ist heiliger Geist. Es gibt keine Kluft zwischen natürlichem und heiligem Geist, sondern der eine geht in den andern über.«[12] Bestimmt man so das Verhältnis von heiligem Geist und unserem menschlichen Geist, ergibt sich m.E. das Problem, wie das Gegenüber von Gott und Mensch, von Schöpfer und Geschöpf gewahrt werden kann.

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[1]    Albert Schweitzer, Brief an Gustav von Lüpke, Kattowitz, vom 10.6.1908; teilweise veröff. in: 41. Rundbrief für den Freundeskreis von Albert Schweitzer (Februar 1976), S. (54 f.) 55.
[2]
   Albert Schweitzer, Brief an Hermann Kutter vom 14.6.1908; veröff. in: Schweizerisches Reformiertes Volksblatt, Jg. 115 (1981), S. 6 f.

[3]    Fritz Buri, Albert Schweitzers Theologie in seinen Predigten, in: ThPr 10 (1975), S. (224-236) 225.
[4]
   Ulrich Neuenschwander, Albert Schweitzer als Prediger (1971), in: ders., Christologie – verantwortet vor den Fragen der Moderne. Mit Beiträgen zu Person und Werk Albert Schweitzers, hg. u. eingel. v. Werner Zager (Albert-Schweitzer-Studien, Bd. 5), Bern / Stuttgart / Wien 1997, S. (285-290) 286.

[5]    A.a.O., S. 290.
[6]
   A. Schweitzer, Morgenpredigt Sonntag, 29. Oktober 1911, [St. Nicolai]. De mortuis. Apk. 2,10: Sei getreu bis in den Tod, in: ders., Predigten 1898–1948 (s. Anm. 3), S. (1152-1154) 1154.

[7]    Ebd.

[8]
   A. Schweitzer, Morgenpredigt Sonntag, 2. Juni 1907, St. Nicolai. Joh. 16,12-14: Ich habe euch noch viel zu sagen, in: ders., Predigten 1898–1948 (s. Anm. 3), S. (838-840) 840 Anm. 21.

[9]    Röm 8,5-13; Gal 5,16-24; 6,7 f.

[10]
  I Kor 2,12.

[11]   A. Schweitzer, Morgenpredigt Sonntag, 18. Juni 1911, St. Nicolai. Dritter Artikel: Ich glaube an den heiligen Geist, in: ders., Predigten 1898–1948 (s. Anm. 3), S. (1127-1132) 1129.
[12]   A.a.O., S. 1130.