Leseprobe aus:

Rudolf Bultmann: Aus Zeit wird Ewigkeit

Werner Zager (Hrsg.)

 

Die meisten seiner Trauerpredigten hat Rudolf Bultmann zwischen 1939 und 1949 in Marburg gehalten, also in der Zeit des Zweiten Weltkriegs und in den ersten Nachkriegsjahren. Die Verstorbenen oder deren nächsten Verwandte bzw. Freunde hatte er offenbar persönlich gekannt, zum Teil mit ihnen in einem engeren Verhältnis gestanden. Viele der Verstorbenen gehörten in das Umfeld der Marburger Universität oder partizipierten wie die Familie Bultmann selbst am geistigen und kulturellen, insbesondere musikalischen Leben der Universitätsstadt. Von daher erklärt sich auch, dass Bultmann die Ansprachen häufig nicht auf dem Friedhof, sondern im intimen Familien- und Freundeskreis in den Häusern der Verstorbenen hielt – sei es zusammen mit dem Sarg oder zum Gedenken des im Krieg Gefallenen. Auch die Universitätskirche und die Kapelle des Pathologischen Instituts in Marburg waren Orte der Trauerfeier. In zwei Fällen wissen wir, dass Bultmann die Trauerpredigt übernahm, während ein Marburger Pfarrer für die Beerdigung zuständig war.

Die Trauerpredigten sind durchweg ausformuliert und von Bultmann mit der Hand geschrieben. Zum Teil enthalten die Manuskripte auch die Schriftlesungen, in einem Fall die bei der Trauerfeier gesungenen Lieder. Vielfach sind Gebete angefügt, die entweder der Agende entnommen sind oder sich daran anlehnen, bisweilen wohl von Bultmann selbst verfasst sind. Bei zwei Trauerfeiern fungieren der Sonnengesang des Franz von Assisi bzw. Liedstrophen von Gerhard Tersteegen als Gebete.

Abgesehen von der Gedenkansprache für die im Ersten Weltkrieg Gefallenen des Jahres 1925, in der auch kein kirchlicher Rahmen zu erkennen ist, legte Bultmann seinen Trauerpredigten einen, öfters auch mehrere biblische Texte zugrunde. Er tat dies aus der Überzeugung, dass nur ein Wort Gottes angesichts von Leid und Tod trösten kann. Dabei war er stets darauf bedacht, einen Zusammenhang mit der Biographie der Verstorbenen herzustellen, wobei diese jeweils unterschiedlich stark zur Gel­tung kommt. Auch das Gewicht der biblischen Texte ist für den Aussagegehalt der Predigt nicht immer gleich. „Einige werden zu Beginn bzw. zum Schluß der Ansprache faktisch lediglich verlesen oder klingen nur an, andere dagegen belegen bzw. begründen einen (manchmal auch nur marginalen) Gedankengang.“[1]



[1]    Michael Dorhs, Über den Tod hinaus. Grundzüge einer Individualeschatologie in der Theologie Rudolf Bultmanns (EHS.T 665), Frankfurt a.M. 1999, S. 57.