Leseprobe aus:

Jesus von Nazareth – Lehrer und Prophet

 

Fragen wir noch abschließend danach, welche Konsequenzen und Dialogmöglichkeiten von dem soeben skizzierten Ansatz einer liberalen Christologie sich ergeben. Ich möchte dies in thesenhafter Form kurz auf den Be­griff bringen:

1.&xnbsp;&xnbsp; Wird Jesus historisch sachgemäß als jüdischer Prophet der Gottesherrschaft verstanden, so können darin alle drei abrahamitischen Religionen übereinstimmen.

2.&xnbsp;&xnbsp; Weil Jesus keinen Glauben an seine eigene Person verlangt hat, steht er nicht trennend zwischen Christentum auf der einen Seite und Judentum und Islam auf der anderen Seite. Der Glaube Jesu verbindet vielmehr diese drei Weltreligionen miteinander.

3.&xnbsp;&xnbsp; Indem eine liberale Christologie entsprechend Jesu eigenem Selbstverständnis dessen Menschsein uneingeschränkt zur Geltung bringt und daher die »Zwei-Naturen-Lehre« als unhaltbar aufgibt, trägt sie der von jüdischer und islamischer Seite an der orthodoxen Christologie und Trinitätslehre erhobenen Kritik Rechnung.

4.&xnbsp;&xnbsp; Die Einsicht, dass erst nachträglich christlicherseits Johannes der Täufer zum Vorläufer Jesu und islamischerseits Jesus zum Vorläufer MuhIammads instrumentalisiert wurden, sollte dazu anhalten, auf Überlegenheitsansprüche der einen Religion gegenüber der anderen zu verzichten.

5.&xnbsp;&xnbsp; Insofern Jesus bei seiner Auslegung des Willens Gottes alles Gewicht auf die Ethik legte, weist er die Weltreligionen insgesamt auf den Bereich, in dem die meisten Gemeinsamkeiten zu erreichen sind – man denke nur an Albert Schweitzers »Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben«[1] und Hans Küngs »Projekt Weltethos«[2].

6.&xnbsp;&xnbsp; Wenn auch für Christen die Reinkarnationslehre nicht akzeptabel ist, so steht der buddhistische Gedanke, dass Jesus eine geistige Entwicklung durchgemacht habe, im Einklang mit Jesu wahrem Menschsein.

7.&xnbsp;&xnbsp; Gewiss gibt es Christsein nicht ohne Nachfolge Jesu, die als Hingabe des eigenen Lebens ins Leiden, bis hin zu Sterben und Tod führen kann. Damit verwandt ist das buddhistische Prinzip der Selbstlosigkeit. Dagegen wird eine liberale Christologie der buddhistischen und neo-hinduistischen Kritik an der Vorstellung vom Sühnetod Jesu Recht geben. Widerspricht doch diese Vorstellung nicht nur Jesu Botschaft von Gottes bedingungsloser Liebe, sondern auch der Erkenntnis Immanuel Kants, dass in puncto Schuld wir Menschen uns von niemanden vertreten lassen können[3].

8.&xnbsp;&xnbsp; Der Dialog der Weltreligionen – sei es über Jesus oder über ethische Fragestellungen – dürfte um so erfolgversprechender werden, je mehr sich die daran beteiligten Vertreterinnen und Vertreter der Weltreligionen dabei von Gedanken der Aufklärung leiten lassen, wie dies für ein liberales Christentum selbstverständlich ist. Aber verheißungsvolle Ansätze zu aufgeklärtem Denken sind auch in den übrigen Weltreligionen zu entdecken, die zu stärken und weiterzuentwickeln sind.

 



[1] &xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp; Albert Schweitzer, Die Ehrfurcht vor dem Leben. Grundtexte aus fünf Jahrzehnten, hg. v. Hans Walter Bähr (Beck’sche Reihe, Bd. 255), München 61991 (11966).

[2] &xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp; Hans Küng, Projekt Weltethos, München / Zürich 1990.

[3] &xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp; Vgl. Immanuel Kant, Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft, hg. v. Karl Vorländer (PhB 45), Hamburg 81978, S. 77. 80 f.; s. dazu Werner Zager, Die theologische Problematik des Sühnetodes Jesu. Exegetische und dogmatische Perspektiven, in: ders., Jesus und die frühchristliche Verkündigung. Historische Rückfragen nach den Anfängen, Neukirchen-Vluyn 1999, S. (35-61) 57 f.