Leseprobe aus:

Gottesherrschaft und Endgericht in der Verkündigung Jesu

Die vorliegende Untersuchung hat ergeben, daß für Jesu Reich-Gottes-Botschaft der endgerichtliche Horizont konstitutiv ist. Diese Einsicht ist nicht zuletzt gegenüber dem in neuerer Zeit besonders im Bereich der amerikanischen Forschung unternommenen Versuch zur Geltung zu bringen, die Verkündigung des historischen Jesus ohne Verbindung zu frühjüdischer Eschatologie zu rekonstruieren. Doch ein solcher "non-eschatological Jesus", der hier gezeichnet wird, kann nur eine Wunschvorstellung sein, die keinen wirklichen Anhalt an den Quellen besitzt.

Zwar ist das Bemühen von seiten der Theologie berechtigt, die Botschaft Jesu auch dem modernen und aufgeklärten Zeitgenossen nahezubringen. Das darf aber nicht zur Verzerrung der Historie führen. Denn: "Die Ehrfurcht vor der Wahrheit - und auch die historische Wahrheit hat Anspruch auf Ehrfurcht - gebietet, daß wir die Dinge nehmen, wie sie sind, und die Schwierigkeiten, so schmerzlich sie für uns sind, anerkennen." (Albert Schweitzer) So müssen wir rückhaltlos gelten lassen: Der historische Jesus war erfüllt von einer drängenden Naherwartung von Reich Gottes und Endgericht. Und er hat sich in dieser Naherwartung geirrt. Erkennt man dies an, fällt es schwer - ja, ist es letztlich unmöglich -, wie Jesus die Geschichte als Prozeß der sukzessiven Durchsetzung von Gottes Herrschaft zu deuten - selbst wenn man noch so sehr deren Verborgenheit in diesem Prozeß betont. Überhaupt gehört der Gedanke, daß Gott unmittelbar in die Geschichte einwirke, - ebenso wie Vorstellungen von Satan, Dämonen und Gehenna - einem vergangenen mythischen Weltbild an, das nicht mehr das unsrige ist.

Verantwortliche theologische Rede wird daher das letzte Gericht nicht mehr als Abschluß der Weltgeschichte verstehen können, sondern als individuelles, postmortales Zur-Verantwortung-Ziehen des einzelnen Menschen. Sophie Scholl schrieb in ihr Tagebuch: "... muß nicht jeder Mensch, einerlei in welcher Zeit er lebt, dauernd damit rechnen, im nächsten Augenblick von Gott zur Rechenschaft gezogen zu werden?"