Leseprobe aus:

Theologischer und philosophischer
Briefwechsel Albert Schweitzers
1900–1965

 

Nach längerer Vorbereitung – die Initiative zu einer Gesamtedition des philosophischen und theologischen Nachlasses Albert Schweitzers ging von Ulrich Neuenschwander (gest. 1977) aus – begann mit Reich Gottes und Christentum im Jahre 1995 bei C. H. Beck, München, das Erscheinen der ursprünglich auf acht Bände angelegten Ausgabe der Werke aus dem Nachlaß unter der Herausgeberschaft von Richard Brüllmann (gest. 2001), Erich Gräßer, Claus Günzler, Bernard Kaempf, Ulrich Körtner, Ulrich Luz und Johann Zürcher. Damit wird der literarische Nachlaß einer der bedeutendsten Gestalten des 20. Jahrhunderts sowohl der theologischen und philosophischen Forschung als auch einem größeren interessierten Publikum zugänglich gemacht.

Will man allerdings Albert Schweitzer als Theologen und Philosophen im Kontext seines Wirkens als Prediger, Tropenarzt, Bach-Forscher, Organist, Orgelbaufachmann, Entwicklungshelfer und Friedensmahner und im Zusammenhang seiner Zeit mit ihren geistigen, sozialen und politischen Problemen verstehen, dann wird man sich nicht allein auf die Analyse seiner zu seinen Lebzeiten oder posthum veröffentlichten Werke beschränken dürfen. Vielmehr wird man auch seine sehr umfangreiche Korrespondenz heranziehen müssen. Allein im Albert-Schweitzer-Zentralarchiv in Günsbach/Frankreich befinden sich rund 8.000 Briefe aus der Hand Schweitzers. Hinzu kommt noch eine beträchtliche Anzahl von Schweitzerbriefen in universitären und privaten Archiven. Harald Steffahn bemerkte einmal treffend: «Die höchste Erhebung in der publizistischen Landschaft dieses Nachtarbeiters mit Feder und Tinte – weil am Tage meistens die Zeit fehlte – wölbt sich nicht aus Druckseiten, sondern aus Briefen. Kein anderer Schriftbereich bei ihm kommt an Umfang diesem gleich.»[1]

Im Jahre 1987 gab Hans Walter Bähr eine chronologisch geordnete Sammlung von Briefen Albert Schweitzers heraus, die unter dem Titel Albert Schweitzer: Leben, Werk und Denken 1905–1965. Mitgeteilt in seinen Briefen im Verlag Lambert Schneider, Heidelberg erschien. Bähr zitiert in diesem Band Briefe häufig unvollständig und läßt philosophisch bzw. theologisch interessante Passagen aus, da er stärker biographisch interessiert ist. Zudem bringt er nur Briefe von Schweitzer selbst, nicht aber die seiner Korrespondenzpartner. Deshalb weist die Edition von Schweitzers theologischem und philosophischem Briefwechsel nur wenige Berührungen mit Bährs Briefband auf.

Im Jahre 2000 ist der Briefwechsel zwischen Albert Schweitzer und Fritz Buri von Andreas Urs Sommer vorbildlich herausgegeben worden (Albert Schweitzer – Fritz Buri, Existenzialphilosophie und Christentum. Briefe 1935–1964, München: C. H. Beck), der die Veröffentlichung des gesamten theologischen und philosophischen Briefwechsels Schweitzers wünschen läßt. Hier knüpft also die vorliegende Edition an. Dabei bietet sich die Möglichkeit, inhaltliche Bezüge und Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Korrespondenzen zu erkennen.

Zum Zwecke der Dokumentation wurden sämtliche Briefwechsel Schweitzers erfaßt, die theologische und philosophische Fragestellungen berühren. Über die Korrespondenzen hinaus, die in diesem Band aufgenommen sind, handelt es sich um diejenigen mit dem Literaturhistoriker und Direktor des Marbacher Schiller-Nationalmuseums Erwin Ackerknecht, dem Kurator der Straßburger Universität Otto Back, dem Raketenkonstrukteur und Weltraumforscher Wernher von Braun, dem freien wissenschaftlichen Schriftsteller Hans Hartmann, dem Orientalisten Enno Littmann, dem Mathematiker und Philosophen Bertrand Russell, dem Pädagogen Gustav Wyneken und den Theologen Gustav Anrich, Herbert Bahr, Emil Brunner, Francis Crawford Burkitt, Heinrich Frick, Emil Fuchs, Friedrich Heiler, Ernst Jenssen, Hans-Hinrich Jenssen, Kurt Leese, Hans Lietzmann, Emil Lind, Arnold Meyer, Erich Meyer, Hans Pribnow, Julius Richter, Heinz Röhr, Gerhard Rosenkranz, Klaus Scholder, Theodor Siegfried und Helmut Thielicke.

Ferner wurde eine Vielzahl von einzelnen Briefen sowohl von Schweitzer als auch an Schweitzer erfaßt, zu denen keine Antworten auffindbar sind. Zu diesen zählen Briefe und Karten von dem Orientalisten Theodor Nöldeke, den Philologen Richard Reitzenstein und Moritz Winternitz,[2] den Philosophen Arthur Drews und Hans Leisegang und den Theologen Martin Dibelius, Erich Fascher, Eduard Grafe, Heinrich Hackmann, Heinrich Julius Holtzmann, Gerhard Kittel, Werner Georg Kümmel, Johannes Leipoldt, Karl Heinrich Rengstorf, Karl Ludwig Schmidt, Julius Wellhausen, Alfred Wikenhauser und Hans Windisch.

Während die Dokumentation des gesamten Textbestandes denjenigen 12 Bibliotheken zur Verfügung gestellt werden soll, die im Besitz der Dokumentationsausgabe des literarischen Nachlasses Schweitzers sind,[3] war für die Druckfassung eine Auswahl zu treffen. Als maßgebliches Kriterium fungierte hier der theologische und philosophische Gehalt der jeweiligen Korrespondenz. Hinzu kamen als weitere Kriterien der Bekanntheitsgrad bzw. das wissenschaftliche Renommee der Briefpartner und die relative Vollständigkeit des Briefwechsels. Außerdem waren entscheidend für die Aufnahme eines Briefwechsels die Behandlung wichtiger ethischer, politischer und zeitgeschichtlicher Fragen, das literarische Niveau, der Neuigkeitsgehalt und die Bedeutung des Briefpartners für Schweitzer.

Viele der ausgewählten Briefwechsel umfassen nur einige wenige Briefe. Das hängt in erster Linie mit dem tatsächlichen Umfang der Korrespondenz zusammen. Nur in den wenigsten Fällen liegt das daran, daß Briefwechsel nicht vollständig aufgefunden werden konnten. Daneben existieren auch sehr umfangreiche Korrespondenzen, die sich über einen langen Zeitraum erstrecken, daher biographisch aufschlußreich und zugleich theologisch und philosophisch hochinteressant sind. Zu diesen gehören die mit Ernst Beutler, dem Goethekenner und Direktor des Deutschen Hochstifts in Frankfurt am Main, mit Rudolf Grabs, dem Schweitzer-Biographen, mit Theodor Heuss, dem ersten deutschen Bundespräsidenten, mit Oskar Kraus, dem Prager Philosophen, mit Martin Niemöller, dem Kirchen­prä­si­denten der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, mit Linus Pauling, dem Chemie- und Friedensnobelpreisträger, mit Oskar Pfister, dem Zürcher Pfarrer und Psychologen, mit Herbert Spiegelberg, dem wegen des Nationalsozialismus in die USA emigrierten Philosophen, und mit Martin Werner, dem Berner Theologen.

Von der Aufnahme der ebenfalls bedeutsamen Korrespondenz zwischen Albert Schweitzer und Bertrand Russell konnte abgesehen werden, da diese bereits vollständig veröffentlicht worden ist.[4]

Die formale Gestaltung der Briefedition orientiert sich an den Richtlinien für die Werke aus dem Nachlaß. Abweichend davon wurden uneinheitliche und altertümliche Schreibweisen beibehalten. Auch wurde die Zeichensetzung der Originalbriefe unverändert übernommen, während wir die Briefköpfe vereinheitlicht haben. Unterstreichungen im Original sind kursiviert wiedergegeben. Auslassungen wurden möglichst nicht vorgenommen, auch wenn dadurch bei den edierten Briefen Schweitzers Wiederholungen bestimmter Gedanken und Formulierungen nicht ausgeschlossen werden konnten.

Um die Ausgabe einer möglichst großen Leserschaft zugänglich zu machen, wurden die französisch- und englischsprachigen Texte ins Deutsche übersetzt, während die Dokumentation diese in der Originalsprache bietet.

Der kritische Apparat für die einzelnen Briefwechsel dient dazu, Anspielungen und Literaturhinweise aufzuschlüsseln, Informationen zu erwähnten Personen zusammenzutragen, knappe Verstehenshilfen zu den erörterten theologischen und philosophischen Fragen zu geben und biographische und zeitgeschichtliche Zusammenhänge zu erläutern.

Die Einführungen zu den einzelnen Briefwechseln stellen diese in den jeweiligen zeitgeschichtlichen, biographischen und gei­stesgeschichtlichen Zusammenhang.

Da der größte Teil der Texte dieses Bandes bisher weder pu­bliziert noch ausgewertet wurde, verbinden wir mit der Edition die Hoffnung, daß es auf dieser Textbasis möglich wird, zum einen die Genese des theologischen und philosophischen Denkens Schweitzers präziser geistes- und kulturgeschichtlich zu verorten und zum anderen neue Aspekte zu seiner Biographie zu gewinnen.

So erfahren wir etwa, daß sich Schweitzer als «Krypto-Tübinger» verstand, der sich in seinen eigenen neutestamentlichen Forschungen Ferdinand Christian Baur verpflichtet wußte, oder daß er seit seiner Kindheit den Abend des Reformationstages mit der Lektüre von Luthertexten verbrachte. Wie dem Briefwechsel mit Martin Werner zu entnehmen ist, galt Schweitzers theologische Arbeit der Wahrheit, die erst in der Zukunft erkannt werde. Stand doch die Gegenwart unter dem beherrschenden Einfluß der Dialektischen Theologie, die Schweitzer lieber als «moderne Orthodoxie» bezeichnete. In vielen Briefwechseln spielen Fragen der atomaren Bewaffnung und der Sicherung des Friedens eine wichtige Rolle. Dabei wird auch deutlich, wie von seiten der DDR versucht wurde, Schweitzer politisch zu vereinnahmen.

Unter den den Briefwechseln beigegebenen Ergänzungen seien besonders zwei Texte hervorgehoben, die hier erstmals veröffentlicht werden: Schweitzers Traurede für Elly Heuss-Knapp und Theodor Heuss und Adolf von Harnacks Empfehlungsschreiben an die Preußische Akademie der Wissenschaften, Schweitzer zu deren Ehrenmitglied zu ernennen.

Der besondere Reiz der Briefe Albert Schweitzers besteht darin, daß hier vieles persönlicher und dadurch unmittelbarer und pointierter als in seinen sonstigen literarischen Arbeiten zum Ausdruck gebracht wird. «Eine Schreibmaschine benutzte der Schwerarbeiter am Schreibtisch bis zuletzt nicht, trotz der armen Schreibkrampfhand, über die, ein Erbstück der Mutter, vor allem im Alter die Klage unablässig hinausdrang in die Welt, mit der er Zwiesprache hielt. Bei aller Mühe und Müdigkeit: wie warmherzig der Ton in den kleinen, akkuraten Schriftzeichen! Immer wieder bestätigte der Schreibende seinen eigenen Anspruch, wonach Dankbarkeit ein Maßstab für die Kultur des Herzens sei, und bezeugte bei jeder Gelegenheit, daß er nicht mitschuldig sein wolle an jener Kälte unter den Menschen, die aus unterdrückter Herzlichkeit rühre.»[5]

Insgesamt läßt der vorliegende Band des theologischen und philosophischen Briefwechsels Albert Schweitzers nicht nur die Erweiterung wissenschaftlicher Erkenntnis hinsichtlich der Theologie- und Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts erwarten, sondern wir versprechen uns davon auch Impulse zum einen für gegenwärtige gesellschaftspolitische Debatten in puncto Friedenssicherung und ethische Grundsatzfragen und zum anderen für die Suche vieler Menschen unserer Zeit nach einer verantwortlichen Synthese von eigener Glaubenserfahrung, christlicher Überlieferung und rationaler philosophischer Reflexion.

 

 



[1] &xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp; &xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;Harald Steffahn, Albert Schweitzer als Schriftsteller, in: ders., «Mein Leben ist mir ein Rätsel». Begegnungen mit Albert Schweitzer, Neukirchen-Vluyn 2005, S. (131-150) 147.

[2] &xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp; &xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;Zu dieser Kategorie gehören die Briefe von Moritz Winternitz nur bedingt. Im Jahre 2004 wurden nämlich die originalen Briefe Albert Schweitzers und seiner Mitarbeiterinnen Emmy Martin und Emma Haussknecht von einem angesehenen Baseler Auktionshaus zum Verkauf angeboten. Bedauerlicherweise war dieses Haus nicht bereit, Kopien für diese Edition zur Verfügung zu stellen.

[3] &xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp; &xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;Deutschland: Deutsches Albert-Schweitzer-Zentrum, Neue Schlesingergasse 22-24, D-60311 Frankfurt am Main; Badische Landesbibliothek Karlsruhe, Erbprinzenstraße 15, D-76133 Karlsruhe; Universitätsbibliothek Tübingen, Wilhelmstraße 32, D-72016 Tübingen.

&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp; &xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;Frankreich: Archives centrales Albert Schweitzer, 8 Rue de Munster, F-68140 Gunsbach; Faculté de Théologie Protestante, Université de Strasbourg, 9 Place de l’Université, F-67084 Strasbourg.

&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp; &xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;Großbritannien: The Library, Faculty of Divinity, West Road, Cambridge CB3 9BS, UK.

&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp; &xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;Japan: Educational Museum of Tamagawa University, 6-1-1 Tamagawa Gakuen, Machida-shi, Tokyo, Japan 194-8610.

&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp; &xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;Österreich: Fakultätsbibliothek für Evangelische Theologie der Universität Wien, Rooseveltplatz 10/4, A-1090 Wien.

&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp; &xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;Schweiz: Zentralbibliothek Zürich, Zähringerplatz 6, CH-8001 Zürich; Bibliothek der Christkatholischen und Evangelischen Theologischen Fakultät der Universität Bern, Länggassstrasse 51, CH-3012 Bern.

&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp; &xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;Südafrika: The JS Gericke Library, University of Stellenbosch, Victoria Road 1, Stellenbosch, 7600 RSA.

&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp; &xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;Tschechien: Evangelical Theological Faculty, Charles University, Cerna 9, POB 529, CS-115 55 Praha 1.

&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp; &xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;USA: Syracuse University Library, Special Collections Research Center, Room 600, Bird Library, Syracuse University, Syracuse, NY 13244-2010, USA.

[4] &xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp; &xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;The Correspondence between Bertrand Russell and Albert Schweitzer, edited and introduced by Herbert Spiegelberg, in: International studies in philosophy, Jg. 12 (1980), S. 1-45.

[5] &xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp; &xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;H. Steffahn, Albert Schweitzer als Schriftsteller (s. Anm. 1), S. 149.