Leseprobe aus:

Liberale Exegese des Neuen Testaments

Im Pfarrarchiv der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde von Wiefelstede befinden sich nicht nur die beiden von Rudolf Bultmanns Vater ARTHUR KENNEDY BULTMANN (* 1. April 1854 Kent in Sierra Leone, Westafrika, 28. April 1919 Oldenburg) angelegten Chroniken, sondern auch seine handgeschriebene Predigt zum Erntedankfest am 19. Oktober 1888 (Dokument 1). Diese besteht aus dem Deckblatt und 13 Textseiten, auf denen neben der eigentlichen Predigt auch der Ablauf des Gottesdienstes festgehalten ist. Auf dem Deckblatt steht eigenhändig geschrieben "Predigt, gehalten zu Wiefelstede am Erntedankfest 1888 October 19 vom derzeitigen Pfarrer der Gemeinde A. Bultmann" . In Form einer Homilie legt der Prediger Ps 118,1.24 f.28 f. aus, wobei die Aufforderung des Psalms zum Dank gegenüber Gott mit Hilfe der Liedstrophe "Nun danket alle Gott mit Herzen, Mund und Händen" entfaltet wird. Diese Predigt ist ein eindrucksvolles Dokument der ursprünglichen biblizistisch geprägten theologischen Position des Pfarrers Arthur Bultmann, von der er sich später während des Theologiestudiums seines Sohnes Rudolf entfernte.

Die im Niedersächsischen Staatsarchiv in Oldenburg aufbewahrte Personalakte RUDOLF KARL BULTMANNs (* 20. August 1884 Wiefelstede, 30. Juli 1976 Marburg) enthält neben dem Gesuch des Kandidaten der Theologie an den "großherzoglichen evangelischen Oberkirchenrat zu Oldenburg" vom 23. März 1906, zur ersten theologischen Prüfung zugelassen zu werden - wozu u.a. eine in lateinischer Sprache abgefasste Vita gehört -, folgende "häusliche Tentamensarbeiten", die bis zum 18. Juni 1906 vorzulegen waren: "Abhandlung über 1. Kor. 2,6-16", "Predigt über Phil. 2,12 und 13" und "Katechisationsentwurf über Matth. 13,31-33". Hinzu kommen noch die Klausuren im Alten Testament über I Sam 15,13-23, im Neuen Testament über Act 17,22-31 und in Kirchengeschichte über Papst Nikolaus I. und Wiklif . Erhalten sind auch die Beurteilungen sämtlicher Arbeiten durch Geheimen Oberkirchenrat D. THEODOR HEINRICH FÜRCHTEGOTT HANSEN (Oldenburg), Pfarrer HEINRICH JANSSEN IBEN (Vechta) und Kirchenrat GEORG ANTON LORENZ PÜSCHELBERGER (Bad Zwischenahn).

Die 80 handgeschriebene Seiten umfassende "Abhandlung über 1. Kor. 2,6-16" vermittelt einen Einblick in die exegetische Werkstatt des erst 21-Jährigen, der sich nach einem Jahr als Lehrer am Großherzoglichen Gymnasium zu Oldenburg, seiner früheren Schule, bereits 1907 anschickte, die akademische Laufbahn einzuschlagen. So ermöglichte BULTMANN die Übernahme einer Repetentenstelle am Seminarium Philippinum in Marburg die Abfassung von Dissertation und Habilitationsschrift . Bultmanns neutestamentliche Hausarbeit besteht aus Deckblatt (1), Literaturverzeichnis (2), einer Behandlung der geschichtlichen Situation der korinthischen Christengemeinde z.Zt. der Abfassung des 1. Korintherbriefs durch Paulus (3-8), der Übersetzung von I Kor 2,6-16 (8-9) und einer detaillierten Einzelexegese (10-48). Danach werden der Ertrag der vorausgegangenen Exegese zusammengefasst und übergreifende Fragen erörtert (49-57) sowie eine formgeschichtliche Analyse im Anschluss an JOHANNES WEISS (58-62) geboten. Daran schließen sich noch zwei Exkurse an: zum einen über die Herkunft des Zitats in I Kor 2,9 (62-72) und zum anderen über das Verhältnis von Glauben und Wissen (73-80). Sowohl der exegetische Ertrag (Dokument 3) als auch der zweite Exkurs (Dokument 4) werden hier erstmals publiziert. Zu Recht urteilte HEINRICH IBEN als Erstkorrektor der Arbeit: "In der Zusammenfassung (S. 49-57) sind einige ganz ausgezeichnete Gedankengänge. ... Die Skizzierung des grundsätzlichen Verhältnisses von wissenschaftlichem und religiösem Erkennen (II Exkurs S. 73-80) ist in dieser Kürze und Klarheit vorzüglich." - ein Urteil, das auch nach fast 100 Jahren seine Gültigkeit nicht verloren hat.

Innerhalb der Dokumentation wird den beiden Texten aus BULTMANNs neutestamentlicher Examensarbeit ein Auszug aus einem Brief an WALTHER FISCHER (1882-1969), seinen Freund und Bundesbruder aus dem "Tübinger Igel", den späteren Professor der Medizin, vom 19. April 1906 vorangestellt (Dokument 2), in dem sich Bultmann für eine liberale, auf dogmatische Formeln verzichtende Predigtweise ausspricht. Dieser in Oldenburg geschriebene Brief ist Teil eines umfangreichen zwischen 1904 und 1969 geführten Briefwechsels (erhalten sind 20 Karten und 63 Briefe von Rudolf Bultmann, 17 Karten und 7 Briefe von Walther Fischer) und gehört zu dem Nachlass Rudolf Bultmanns, den die Universitätsbibliothek Tübingen verwahrt.

Den Abschluss der Dokumentation bildet eine Postkarte RUDOLF BULTMANNs an MARTIN DIBELIUS vom 7. Dezember 1912, ein Zufallsfund in der Seminarbibliothek der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum (Dokument 5). Darin vertritt Bultmann die auch sonst innerhalb der liberalen Theologie begegnende Auffassung, dass sich die zeitgeschichtliche Erscheinungsform von dem Kern neutestamentlicher Religiosität lösen lasse, mit dem die moderne christliche Religiosität übereinstimme.

(aus der Einführung zu Kapitel VII: "Unveröffentlichte Dokumente aus der Frühzeit Rudolf Bultmanns - Arthur und Rudolf Bultmann als liberale Theologen", S. 135-138)