Leseprobe aus:

Werner Zager (Hg.),
Ethik in den Weltreligionen

Bei der Beschäftigung mit den ethischen Weisungen des Koran sind uns immer wieder Gemeinsamkeiten mit der biblischen, speziell der alttestamentlichen Tradition aufgefallen. Und solche Übereinstimmungen stellen sicher eine gute Grundlage dar für den Dialog - besser gesagt Trialog - zwischen Judentum, Islam und Christentum, aber auch für das Zusammenleben von Angehörigen der drei abrahamitischen Religionen bei uns in Europa. Dabei brauchen Differenzen nicht verwischt zu werden - man denke etwa an die Frage der Wiedervergeltung wie überhaupt die Frage des Rechts. Anders als das Christentum ist der Islam nicht durch eine Aufklärung hindurchgegangen - eine Aufklärung, deren Wesen Immanuel Kant so bestimmte:

"Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne die Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung."1

Würde sich der Islam in Europa solchem aufklärerischen Denken öffnen, könnten sich ganz neue, verheißungsvolle Perspektiven des Miteinanders entwickeln.
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  1. Immanuel Kant, Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? (1784), in: ders., Was ist Aufklärung? Aufsätze zur Geschichte und Philosophie, hg. u. eingel. v. Jürgen Zehbe (KVR 1258), Göttingen 21975, S. (55-61) 55
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